Zum Tod von Hans Ruh (1933-2021)

«Anleitung zur Menschlichkeit» – so lautet der Titel des letzten Buches, in dem Hans Ruh in diesem Jahr die ihm wichtigsten Aufsätze aus seiner langen Tätigkeit als theologischer Ethiker veröffentlicht hat. Dieser Titel steht nun gleichsam als Vermächtnis über seinem Lebenswerk, denn Hans Ruh, der von 1983 bis zu seiner Emeritierung 1998 das Institut für Sozialethik der Universität Zürich leitete, ist am 27. September 2021 nach langer Krankheit gestorben.

Er wurde 1963 bei Karl Barth mit einer Arbeit über Zinzendorf promoviert, wirkte als Mitarbeiter der Gossner Mission in Ost-Berlin (1963–1965) und wurde dann Leiter des neugegründeten Instituts für Sozialethik des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (1971–1983). Er habilitierte sich 1970 an der Universität Bern und wurde dort ausserordentlicher Professor (1971–1983). Seine Berufung zum ordentlichen Professor an die Universität Zürich und zum Direktor des «Instituts für Sozialethik» erfolgte 1983. In seiner langen Tätigkeit hat er das Institut für Sozialethik nachhaltig geprägt. In seine Zeit als Direktor fiel u.a. die Gründung des interdisziplinären Ethik-Zentrums der Universität, das bis heute seinen Sitz in der Villa Abegg am Botanischen Garten hat.

Ethik war für Ruh nicht allein eine akademische Disziplin, sondern verlangte den konkreten Einsatz für die Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. «Ich habe mich eingemischt» war denn auch der passende Titel seiner Autobiographie: Eine Ethik, die sich einmischt, die im Geiste christlicher Liebe eintritt für die Menschlichkeit des Zusammenlebens und die besonders Schwachen im Blick hat. Früher als viele andere dachte Ruh so auch an Themen, die heute alltäglicher Gegenstand der Diskussion sind aber seinerzeit ungewöhnlich waren. Schon in den 1980er Jahren setzte er sich für die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens ein und Zeit seines Lebens verwies er auf die katastrophalen Folgen der rücksichtslosen Ausbeutung der Natur durch den Menschen. Wirtschafts- und Umweltethik waren die Schwerpunktthemen seiner Arbeit und mit ihnen erreichte er nicht nur ein akademisches Publikum, sondern auch die Breite der Schweizer Öffentlichkeit.

Mit seinem Tod verklingt eine wichtige Stimme des Schweizer Protestantismus und der theologischen Ethik. Die Aufgabe, die er formulierte, bleibt als Aufgabe für die theologische Ethik bestehen: aus Glauben zur Menschlichkeit anleiten.

Prof. Dr. Michael Coors
Institut für Sozialethik, Ethik-Zentrum
Theologische Fakultät Zürich